Den eigenen Anker finden
Es gibt Zeiten, in denen es leichter fällt, zuversichtlich zu bleiben, und dann gibt es Zeiten wie diese, in denen man manchmal schon am Morgen das Gefühl hat, dass die Welt ein wenig aus den Fugen geraten ist. Vielleicht beginnt der Tag mit einem Blick auf die Nachrichten, mit Berichten über Kriege, politische Entwicklungen, wirtschaftliche Unsicherheiten oder gesellschaftliche Spannungen, und noch bevor man richtig im eigenen Alltag angekommen ist, beschäftigen einen bereits Dinge, auf die man selbst kaum Einfluss nehmen kann.
Mich beschäftigt in letzter Zeit immer wieder die Frage, wie es uns gelingen kann, inmitten all dieser Entwicklungen eine gewisse innere Ruhe zu bewahren, ohne dabei gleichgültig zu werden oder die Augen vor dem zu verschließen, was um uns herum geschieht. Denn natürlich ist es wichtig, informiert zu bleiben, Anteil zu nehmen und dort, wo es möglich ist, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig glaube ich aber, dass wir gut darauf achten müssen, wie viel Raum wir den belastenden Eindrücken in unserem Leben geben und was sie mit uns machen.
Vielleicht kennst du das auch, dass du dich nach einem Gespräch, einer Nachrichtensendung oder dem Lesen verschiedener Beiträge plötzlich unruhig fühlst, obwohl sich in deinem unmittelbaren Umfeld eigentlich gar nichts verändert hat. Die Gedanken beginnen zu kreisen, man beschäftigt sich mit möglichen Entwicklungen, stellt sich Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt, und merkt vielleicht erst viel später, dass auch der Körper längst auf diese innere Anspannung reagiert hat.
Manchmal zeigt sich das durch verspannte Schultern, einen flacheren Atem, innere Rastlosigkeit oder das Gefühl, ständig etwas tun zu müssen. Manchmal fällt es schwer, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, und manchmal ist es einfach nur dieses schwer beschreibbare Gefühl, nicht richtig zur Ruhe zu kommen.
Dabei ist es durchaus verständlich, dass unser Körper auf Unsicherheit reagiert, denn unser Nervensystem ist darauf ausgerichtet, mögliche Gefahren wahrzunehmen und uns entsprechend darauf vorzubereiten. Was früher vor allem für unmittelbare körperliche Bedrohungen wichtig war, wird heute auch durch Informationen, Gedanken und Vorstellungen aktiviert, selbst wenn wir gerade sicher zu Hause sitzen.
Eine interessante Erklärung dafür, weshalb wir auf Belastungen so unterschiedlich reagieren, bietet die Polyvagaltheorie des Neurowissenschaftlers Stephen Porges. Sie beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem ständig und weitgehend unbewusst einschätzt, ob wir uns sicher fühlen können oder ob möglicherweise Gefahr droht.
Fühlen wir uns sicher, fällt es uns leichter, ruhig zu bleiben, klar zu denken und mit anderen Menschen in Verbindung zu treten. Erleben wir hingegen Unsicherheit oder Bedrohung, reagiert unser Körper mit Anspannung, erhöhter Wachsamkeit oder manchmal auch mit Rückzug. Das geschieht häufig, bevor wir bewusst darüber nachdenken können.
Besonders interessant finde ich dabei, dass wir unser Gefühl von Sicherheit nicht nur selbst beeinflussen können, sondern auch durch den Kontakt mit anderen Menschen. Eine vertraute Stimme, ein verständnisvolles Gespräch oder einfach die Anwesenheit eines Menschen, bei dem wir uns wohlfühlen, kann helfen, wieder zur Ruhe zu kommen.
Auch wenn einzelne Annahmen der Polyvagaltheorie wissenschaftlich diskutiert werden, macht dieses Modell für mich eines sehr anschaulich: Innere Ruhe lässt sich nicht durch Nachdenken herstellen. Es braucht vielmehr Erfahrungen, die unserem Körper vermitteln, dass wir im Augenblick sicher sind. Gerade diesen Gedanken finde ich besonders hilfreich, weil wir häufig versuchen, unsere innere Unruhe ausschließlich über den Verstand zu bewältigen. Wir denken über mögliche Lösungen nach, versuchen uns selbst gut zuzureden oder suchen nach Informationen, die uns beruhigen könnten, und stellen dabei manchmal fest, dass uns all das nicht wirklich weiterhilft. Vielleicht deshalb, weil unser Körper noch immer in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit ist, während wir gedanklich längst verstanden haben, dass im Moment keine unmittelbare Gefahr besteht.
Was kann uns also helfen, wieder mehr innere Sicherheit zu erleben?
Ich glaube, dass es dafür keine allgemeingültige Antwort gibt, denn was einem Menschen Ruhe vermittelt, kann für einen anderen wenig hilfreich sein. Und auch Ruhe muss nicht zwingend der passende Zustand für innere Sicherheit sein. Während die eine Person bei einem Spaziergang im Wald wieder zu sich findet, braucht eine andere vielleicht Bewegung, Musik, ein gutes Gespräch oder ganz bewusst einige Minuten Stille.
Für mich ist dabei das Bild eines Ankers sehr passend. Ein Anker verhindert nicht, dass sich das Wasser bewegt, und er kann auch keinen Sturm aufhalten, aber er gibt einem Schiff Halt und sorgt dafür, dass es nicht unkontrolliert abgetrieben wird. Ähnlich können wir auch in unserem Leben nach Möglichkeiten suchen, die uns Halt geben, selbst wenn sich die Umstände rund um uns nicht sofort verändern lassen.
Ein solcher Anker kann etwas ganz Einfaches sein. Vielleicht ist es der bewusste Blick aus dem Fenster, das Wahrnehmen der Natur, das Spüren der eigenen Füße auf dem Boden oder ein paar ruhige Atemzüge, bei denen man sich Zeit nimmt, das Ausatmen ein wenig länger werden zu lassen. Vielleicht ist es aber auch der vertraute Weg durch den Garten, das Streicheln eines Tieres oder die Tasse Tee, die man ganz bewusst genießt, ohne gleichzeitig schon wieder die nächsten Aufgaben im Kopf zu haben.
Was diese kleinen Momente miteinander verbindet, ist die Möglichkeit, unsere Aufmerksamkeit aus dem ständigen Nachdenken wieder stärker in die unmittelbare Gegenwart zu lenken. Wir nehmen wahr, was gerade tatsächlich da ist, anstatt uns ausschließlich mit dem zu beschäftigen, was möglicherweise noch kommen könnte.
Ich erlebe in meinen Coachings immer wieder, dass Menschen sehr genau beschreiben können, was sie belastet, ihnen aber oft erst nach längerem Überlegen einfällt, was ihnen eigentlich guttut. Wir wissen häufig, welche Situationen uns unter Druck setzen, welche Gespräche uns beschäftigen und welche Aufgaben uns Energie kosten, während die Dinge, die uns wieder Kraft geben, im Alltag beinahe selbstverständlich geworden sind und deshalb wenig Beachtung finden.
Dabei wäre es gerade in herausfordernden Zeiten wichtig, diese persönlichen Kraftquellen nicht erst dann zu suchen, wenn die Belastung bereits sehr groß geworden ist. So wie wir darauf achten, ausreichend zu essen, zu trinken und zu schlafen, könnten wir auch dem Bedürfnis nach innerer Sicherheit mehr Aufmerksamkeit schenken.
Dazu gehört für mich auch die Frage, wie wir mit Informationen umgehen. Natürlich können und sollen wir uns nicht von allem abschotten, was in der Welt geschieht, aber wir dürfen durchaus entscheiden, wann und wie intensiv wir uns damit beschäftigen. Es macht einen Unterschied, ob wir uns bewusst Zeit nehmen, um Nachrichten zu lesen, oder ob wir uns über den gesamten Tag hinweg immer wieder von neuen Meldungen unterbrechen lassen.
Gerade die ständige Verfügbarkeit von Informationen kann dazu führen, dass unser Nervensystem kaum Gelegenheit bekommt, zwischen belastenden Eindrücken wieder zur Ruhe zu kommen. Vielleicht wäre es deshalb manchmal hilfreich, das Handy bewusst zur Seite zu legen, eine Nachricht nicht sofort zu öffnen oder sich für eine gewisse Zeit ganz auf das zu konzentrieren, was gerade vor einem liegt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist für mich die Verbindung zu anderen Menschen. Wenn uns etwas beschäftigt, kann es guttun, darüber zu sprechen, unsere Gedanken zu teilen und zu erleben, dass wir mit unseren Sorgen nicht allein sind. Dabei braucht es nicht immer Lösungen oder kluge Ratschläge, manchmal genügt es schon, wenn jemand aufmerksam zuhört und uns das Gefühl vermittelt, verstanden zu werden.
Gleichzeitig dürfen wir auch darauf achten, welche Gespräche uns stärken und welche uns möglicherweise noch tiefer in eine gemeinsame Spirale aus Sorgen und Befürchtungen hineinziehen. Denn so wichtig es ist, Belastendes anzusprechen, so hilfreich kann es sein, zwischendurch den Blick auch wieder auf das zu richten, was gelingt, was Freude bereitet und was in unserem unmittelbaren Lebensumfeld gut ist.
Innere Sicherheit bedeutet für mich übrigens nicht, keine Angst mehr zu haben oder immer gelassen bleiben zu müssen. Es geht vielmehr darum, zunehmend darauf vertrauen zu können, dass wir auch mit schwierigen Gefühlen umgehen können und Möglichkeiten haben, wieder Halt zu finden.
Vielleicht gelingt das an manchen Tagen besser und an anderen weniger gut, und auch das darf sein. Unser Leben besteht schließlich nicht aus einem dauerhaften Zustand der Ruhe, sondern aus einem Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, Aktivität und Erholung, Zuversicht und gelegentlicher Unsicherheit.
Was wir jedoch beeinflussen können, ist die Aufmerksamkeit, die wir unseren eigenen Bedürfnissen schenken, und die Bereitschaft, uns auch mitten im Alltag kleine Momente zu ermöglichen, in denen wir wieder bei uns selbst ankommen.
Und wenn du an deinen ganz persönlichen inneren Anker denkst: Was gibt dir dieses Gefühl von Halt, und wie könntest du ihm in deinem Alltag wieder etwas mehr Raum schenken?

